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Standpunkte 2003

Der Bauernstand und seine Befindlichkeit heute - 350 Jahre nach dem Bauernkrieg

Standpunkt vom 2. Mai 2003


(es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren

Die Regionen Emmental und Entlebuch stehen 2003 im Zeichen des Gedenkjahrs zum Bauernkrieg von 1653. Dies ist Anlass genug, sich aus heutiger Sicht mit der Lage der Bauernstandes in der Schweiz und allgemeiner mit dem Verhältnis zwischen Land und Stadt auseinander zu setzen. Dieses Feld ständig neu abzustecken und dabei für die Interessen der Bauernfamilien einzustehen ist die ureigene Kernkompetenz des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV). Das ist der Grund, warum der SBV im Patronatskomitee zum Gedenkjahr und in der Projektträgerschaft der Ausstellung "Land und Stadt" in der Emmentaler Schaukäserei Affoltern - als ein Element einer eindrücklichen Veranstaltungsliste - vertreten ist.

Vor 350 Jahren stritt sich die bäuerliche Landbevölkerung mit der städtischen Obrigkeit. Es ging dabei um Macht und Geld. Unmittelbarer Auslöser für die kriegerischen Ereignisse waren starke Preisrückgänge bei den Agrarprodukten innert kurzer Zeit, hohe Kosten und Abgaben sowie eine massive Verschuldung.

Auch heute kämpfen die Bauernfamilien mit starken Preisrückgängen bei ihren Produkten, mit einem hohen Verschuldungsgrad und mit einem Machtverlust, der sich nicht aus Standesunterschieden, sondern schlicht aus der fortschreitenden zahlenmässigen Marginalisierung des Berufsstandes ergibt. Die durchschnittlichen Einkommen sind tief, die soziale und ökonomische Lage unsicher. Die Bauernfamilien sind einem sich laufend verschärfenden internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Stichworte hierzu sind die bilateralen Verträge mit der EU und die WTO-Agrarverhandlungen. Von daher läge das Herbeireden eines neuen "Bauernkriegs", die Gefahr zu einfacher Analogieschlüsse nahe. Den Bauernfamilien und dem SBV ist aber bewusst, dass der wirtschaftliche, soziale und politische Hintergrund von heute sich grundlegend von 1653 unterscheidet.

Die extremen Gegensätze zwischen Stadt und Land von damals haben sich gemildert. Wir leben in einem stabil verankerten demokratischen Rechtsstaat. Absolutistische Tendenzen einer städtischen Obrigkeit sind nicht mehr auszumachen. Die moderne Infrastruktur mit ihren Transport- und Kommunikationsmitteln verringert die Standortnachteile des ländlichen Raums. Bund und Kantone sind zu regionalem Ausgleich verpflichtet.

Der grösste Unterschied zu damals ist die Tatsache, dass "ländlicher Raum" nicht mehr tel quel mit "Bauernstand" gleichzusetzen ist. Auch die Bewohner des ländlichen Raums arbeiten heute oft im Tertiär- oder im Sekundärsektor und pendeln zu diesem Zweck in die städtischen Agglomerationen. Nur eine Minderheit der Schweizer Bevölkerung ist noch im Primärsektor aktiv. Laut der Eidgenössischen Volkszählung waren 1990 noch 3,9 Prozent der Gesamtbevölkerung in landwirtschaftlichen Haushalten lebende Personen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass in vielen ländlichen Gebieten der Primärsektor auch heute noch eine wichtige ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung aufweist.

Somit stehen sich heute nicht mehr Land und Stadt im engeren Sinn gegenüber. Eine Analogie findet sich am ehesten in der Gegenüberstellung von Produzenten und Konsumenten von Nahrungsmitteln bzw. von Landwirtschaft und Gesellschaft.
Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, nimmt diesen Ansatz auf. Sie will mit den Fragestellungen, die sie aufwirft, zum Gespräch und Nachdenken anregen, wie eine lebenswerte Zukunft von Land und Stadt gemeinsam zu gestalten sei. Heute ist Kommunikation und nicht gewalttätige Konfrontation gefragt. Vergleichbare Fragestellungen haben die Organisationen der Schweizer Landwirtschaft letztes Jahr auch an der Expoagricole bei einem zahlreichen Publikum auf der Arteplage Murten aufgeworfen. Ganz in diesem Sinn spielt ein modernes Kommunikationsmittel der Schweizer Landwirtschaft, die sogenannten "Lockpfosten", eine zentrale Rolle in der Ausstellung. Die Lockpfosten sind ein Element der Basiskommunikationskampagne "Gut, gibt's die Schweizer Bauern" des SBV und seiner Partnerorganisationen.

Die Bauernfamilien führen heute einen anders gearteten Kampf als 1653. Er ist vordergründig weniger spektakulär, hat nicht dieselbe gesamtgesellschaftliche Relevanz wie damals, als es um elementare Grundrechte der Landbewohner, um einen politischen und wirtschaftlichen Ausgleich, letztlich um heute selbstverständliche Prinzipien eines modernen Staatswesens ging. Trotzdem hat der Kampf der Bauernfamilien von heute eine allgemeingültige und gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Es geht um die Existenz eines kleingewerblich strukturierten Primärsektors in der Schweiz. Hat dieser Kampf nicht eine Bedeutung über den rein ökonomischen Aspekt hinaus? Geht es nicht auch um den Fortbestand eines symbolträchtigen und identitätsstiftenden Bestandteil unserer Gesellschaft und Kultur und um zahlreiche Arbeitsplätze in strukturschwächeren Gebieten?

Wir sind überzeugt, dass die Alternativen nicht im Interesse unserer Gesellschaft wären. Kann sich jemand ernsthaft eine nur noch in den optimalen Produktionsgebieten angesiedelte grossflächig strukturierte Landwirtschaft mit industriellem Charakter, eine auf die Pflege der Kulturlandschaft reduzierte "Landwirtschaft" oder schlicht das vollständige Verschwinden der einheimischen Landwirtschaft wünschen? Wir sind jedenfalls nicht bereit dazu, eine flächendeckende, produktive Landwirtschaft sowie die in der Verfassung geforderte dezentrale Besiedlung aufzugeben.

Dabei trauern weder die Bauernfamilien noch der SBV einem romantisch verklärten Bild einer Bauernidylle nach. Die Bauernfamilien sind mündige und eigenverantwortliche Unternehmer, die aber wegen einiger Besonderheiten und Marktverzerrungen im Primärsektor auf Unterstützungsmassnahmen angewiesen sind. Dafür wird den Bauern aber auch viel abverlangt. Was die Bauernfamilien in den letzten zehn Jahren in den Bereichen Ökologie, Tierschutz und Nahrungsmittelsicherheit leisteten, verdient Respekt. Viel wichtiger noch als Unterstützungsmassnahmen der öffentlichen Hand ist das Wohlwollen und Verständnis der Konsumenten, damit sie die Produkte der Schweizer Landwirtschaft bevorzugen. Im globalen Massstab kann die einheimische Landwirtschaft nur über den Preis nie konkurrenzfähig sein.

Heute heisst Nahrungsmittelsicherheit garantiert einwandfreie Qualität, lückenlose Deklaration, Rückverfolgbarkeit, Transparenz. Dafür steht die Landwirtschaft gerade. Auch die für uns selbstverständlich gewordene dauernde Verfügbarkeit aller denkbaren Agrarprodukte fällt im weiteren Sinn in diese Begriffskategorie. Wäre der Begriff "Nahrungsmittelsicherheit" 1653 hierzulande bereits alltäglich gewesen, dann eher im elementaren Sinn einer sichergestellten ausreichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln.

Mit diesen Feststellungen schliesse ich meine Betrachtungen. Ich freue mich auf eine anregende und erfolgreiche Ausstellung und danke den mitbeteiligten Partnerorganisationen des SBV, allen voran dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID, für ihr grosses Engagement bei der Organisation und Gestaltung der Ausstellung sowie der Emmentaler Schaukäserei Affoltern für das Gastrecht.


Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.

Jacques Bourgeois, Direktor des SBV

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