Schweizerischer Bauernverband ::

Schweizerischer Bauernverband
Laurstrasse 10
5200 Brugg
Telefon 056 462 51 11
Fax 056 441 53 48
eMail

Standpunkte 2008

„Schrift für den Papierkorb“

Standpunkt vom 10. Dezember 2008

Das Szenario mutet geradezu grotesk an: Genau zu dem Zeitpunkt während dem im Bundeshaus über die Staatshilfe an die UBS debattiert wird, stellt Avenir Suisse nur wenige Hundert Meter entfernt, seine neueste Publikation „Agrarpolitische Mythen“ vor. Die nun an Staatskrücken gehende UBS gehörte zu den Stiftern, die im Jahr 2000 Avenir Suisse mit einem Finanzierungsvertrag über 54 Millionen gründeten. Wie viel die UBS heute noch an das jährliche Budget von rund 6 Millionen Franken bezahlt, will man bei Avenir Suisse – verständlicherweise – nicht bekannt geben. Es könnte ja so interpretiert werden, dass von Avenir Suisse verfemte Staatsunterstützungen indirekt an sie fliessen.

Die Denkfabrik der Wirtschaft und der Hochfinanz setzt sich zum wiederholten Male mit der Landwirtschaft auseinander und will, gemäss Originalzitat an der Medienkonferenz aufzeigen, dass sich „die Schweizer Bevölkerung mit ihrer Meinung über die Landwirtschaft im Irrtum befindet“. Den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, welche die Agrarpolitik in zutiefst demokratischen Prozessen in Volksabstimmungen und mit Parlamentsentscheiden definiert haben, wird damit schlicht die Mündigkeit und das Urteilsvermögen abgesprochen. Das ganze ist wohl unter dem Titel „Ablenkung“ zu sehen. Plumper kann man es nicht machen.

Wagen wir trotzdem einen Blick in die Schrift. Dieser zeigt rasch, was von den „Argumenten zur Versachlichung der Debatte“ zu halten ist. Wer Preise kommentiert, ohne ein Wort über die Kaufkraft zu verlieren, blendet einfach wichtige Aspekte aus. Der Strukturwandel wird „kleingeredet“, man muss gleich ein ganzes Jahrhundert heranziehen, um auf einen tiefen Wert zu kommen. Und was ist so schlecht daran, wenn der Strukturwandel sozialverträglich verläuft. Der Verlust von 35'000 Bauernexistenzen, in den letzten 15 Jahren, ist ein grosses Opfer und hat nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die ländlichen Räume. Dies ist Avenir Suisse ja bekanntlich egal, deren Vision ist schliesslich eine urbane Schweiz mit wenigen florierenden Wirtschaftszentren und Rand- und Berggebiete, die Wölfen, Bären und Luchsen überlassen werden. Ebenfalls negiert werden die ökologischen Leistungen. Auch da gibt es genügend Studien, die das Gegenteil zeigen. Spätestens hier lohnt sich das Weiterlesen nicht mehr.

Nachdem schon „Der befreite Bauer“ wenig Beachtung fand, scheint das Interesse an Publikationen von Avenir Suisse zur Agrarpolitik endgültig erlahmt. Neben drei Agrarjournalisten die von Berufswegen anwesend sein mussten, einer Journalistin vom Verlag, der das Buch herausgibt, fand sich gerade Mal noch ein (!) Journalist zur Medienkonferenz ein.

Avenir Suisse sieht sich primär als Speerspitze, um einer überbordenden Liberalisierung zum Durchbruch zu verhelfen. Wohin eine solche Entwicklung führt, wurde uns in den letzen Monaten schmerzhaft vor Augen geführt. Eine Denk- und Ideenfabrik sollte konstruktive Lösungen für die Zukunft unseres Landes entwickeln und nicht gerade zu fanatisch einen für den ländlichen Raum wichtigen Wirtschaftszweig in Frage stellen. Am Schluss stellt sich die Frage, wie lange sich die Hochfinanz und die Wirtschaft noch eine überflüssige Institution leisten will, die Publikationen produziert, die kaum Beachtung finden und nichts anderes verdienen als im Papierkorb zu landen.

Urs Schneider, Stv. Direktor, Leiter Kommunikation SBV

Werbung

  • swissskills