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Standpunkte 2011

Die Landwirtschaft und die Preise von Schweizer Agrarprodukten

Standpunkt vom 06. Dezember 2011

Einkaufstourismus - Parkplatzmangel vor den Einkaufzentren im nahen Ausland. Die Lebensmittel sind im Euroland günstiger und gewisse Kreise suchen nach Schuldigen auf Schweizer Seite. Der Sündenbock ist schnell gefunden; die Landwirtschaft. Für uns ist diese Feststellung geradezu absurd, vor allem wenn man die unbefriedigende Lage der landwirtschaftlichen Einkommen betrachtet.

Das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement hat zum komplexen und wenig transparenten Thema: Preisbildung bei Agrarprodukten und Nahrungsmittel im Zusammenhang mit dem Grenzschutz einen Bericht veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein zentrales Thema für die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft sowie der gesamten Agrar- und Lebensmittelindustrie. Denn der weitere Verlauf der Marktöffnung, der AP 2014 – 2017 und der Swissness sind davon abhängig.

Erstes Resultat – die Preisschere öffnet sich! Seit 1990 ging der Produzentenpreisindex für die Landwirtschaft um mehr als 25% zurück, gleichzeitig stieg der Index für Konsumenten- und Produktionsmittelpreis mehr als 15%. Hervorzuheben ist; die allgemeine Teuerung betrug in diesem Zeitraum 31%. Von dieser Entwicklung stark profitierte hat die Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie die Konsumentenkreise.  

Zweites Resultat  – die Schweizer Bevölkerung gibt geschätzte 33,2 Milliarden Franken für Nahrungsmittel aus (mittel 06/08). Das sind, wenn wir schweizerische Preise mit europäischen Preisen vergleichen, 7,3 Milliarden mehr als unsere Nachbarn. Doch wer ist verantwortlich für diese Differenz? Gemäss BLW sind es zu 63% die erzielten Margen von Verarbeitung und Handel am Markt, zu 30% die Landwirtschaft und zu 7% die Zölle. Dieses Ergebnis stellt die pauschale und populistische Kritik gegenüber der Landwirtschaft in Frage.

Drittes Resultat – der Tourismus leidet unter dem starken Franken. Dazu gehört auch die Gastronomie. Dieser liefert die Landwirtschaft Lebensmittelrohstoffe und beeinflusst somit die Kosten. Aber in welchem Ausmass? Gemäss einer Studie von Gastro Suisse gibt ein durchschnittlicher Gastronomiebetrieb knapp 18% für Lebensmittel aus, lediglich 1/3 davon für Rohprodukte aus der Landwirtschaft. Was die Behauptung, die Schweizer Landwirtschaft sei schuld an den hohen Kosten in der Gastronomie relativiert. Denn es ist anzunehmen, dass ein Menu in einem Restaurant auch dann nicht weniger kostet, wenn sich das Preisniveau der landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus der Schweiz demjenigen aus dem Ausland anpassen würde.

Vielleicht können wir die Auswirkungen einer solchen Anpassung schon bald erleben. Der Bundesrat hält trotz Widerstand am Agrarfreihandelsabkommen (FHAL) zwischen der Schweiz und der EU fest. Nach seinen Berechnungen soll sich das BIP um 0,5% erhöhen, eine unglaubhafte Prognose. Errechnet von derselben Stelle, die eine massive Senkung der Konsumentenpreise nach Einführung des Cassis de Dijon-Prinzip voraussah. Eins ist jedoch sicher mit dem FHAL erhöht sich der Druck auf den Agrarsektor. Eine Zukunft mit FHAL und starkem Franken sieht düster aus. Der SBV schätzt, dass das Sektoreinkommen der Landwirtschaft um 40% sinken würde. Zudem wären die einheimischen Agrar- und Lebensmittelprodukte gegenüber den importierten im Preiskampf massiv unterlegen. Da die Zölle beim FHAL wegfallen, könnten auch keine Wechselkursschwankungen mehr ausgeglichen werden. Für den SBV ist unverständlich, weshalb der Bundesrat am FHAL festhält.

Die Tendenz zur Marktöffnung besteht – das sieht auch der SBV. Doch setzt er sich für ein gezieltes und schrittweises Vorgehen ein. Deshalb begrüsst der SBV verschiedene Massnahmen um den Lebensmittelexport zu erleichtern. Diese könnte die Agrar- und Lebensmittelindustrie stärken, ohne die Schweizer Agrarproduktion zu benachteiligen.

Einkaufstourismus – nur mit geeinten Kräften von Landwirtschaft und Agrar- und Lebensmittelindustrie lässt sich dieses Phänomen bekämpfen. Leider bestehen zum jetzigen Zeitpunkt noch zu viele Meinungsverschiedenheiten!

 

Francis Egger, Leiter Wirtschaft, Politik und Internationales, Schweiz. Bauernverband

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