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Francis Egger

Der Anfang vom Stillstand

Standpunkt des Schweizer Bauernverbands vom 19. März 2018

Jeder weiss: Forschung und Bildung sind zentrale Pfeiler für Innovation und stetige Verbesserung. Die Agrarforschung half mit, unsere Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Sie trug zur notwendigen Modernisierung bei, so dass wir heute eine internationale Vorbildfunktion haben. In der Vergangenheit war diese Forschung praxisnah und die Forscher eng an der Landwirtschaft. Aber das System geriet ins Schwanken. Plötzlich galten die eidgenössischen Forschungsanstalten als „kleine Königreiche“, die es aufzubrechen galt. Das funktionierte nicht wie gehofft. Man versuchte dann die Führung in einer Matrixstruktur – also Zusammenarbeit ohne klare Hierarchien – zu organisieren. In diesem Zusammenhang entliess man sämtliche Führungskräfte in höchst fragwürdiger Form. Wer bleiben wollte, muss sich auf eine der verbleibenden Stellen neu bewerben. Wenig überraschend war dies der Motivation nicht sehr förderlich. Vor allem schien das ganze Vorgehen auch wenig durchdacht. Denn nun will man bereits wieder restrukturieren und die Kosten weiter senken. Die aktuelle Situation ist katastrophal: Die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren das Vertrauen endgültig, der Forschungsplatz  büsst weiter an Bedeutung ein und die Herausforderungen der landwirtschaftlichen Praxis bleiben ungelöst. Diese negative Spirale gilt es unbedingt zu stoppen!

Die HAFL und ETH Zürich können die entstehende Lücke in der Agrarforschung nicht füllen. Obwohl es sicher gewisse Überschneidungen gibt, sind sie grundsätzlich in unterschiedlichen Feldern tätig. Die HAFL fokussiert sich auf die mikroökonomische Forschung auf der Basis von Studien und Arbeiten von kurzer Dauer, die ETH Zürich betreibt Grundlagenforschung und Agroscope befasst sich mit der angewandten Forschung und mittel- bis langfristigen Versuchen. Auch wer glaubt, dass sich Forschungsergebnisse im Ausland kaufen lassen, irrt sich. Forschungsaustausch heisst „Nehmen“ und „Geben“. Gerade in der vielfältigen Schweiz ist Zentralisierung kein idealer Weg, um den unterschiedlichen Voraussetzungen und Anforderungen gerecht zu werden.
Wer den Abbau von Agroscope begrüsst, der gibt der Landwirtschaft und dem Agrar- und Ernährungssektor in unserem Land keine Zukunftsperspektiven. Denn es ist wohl jedem klar, dass die Herausforderungen nicht kleiner werden. Da wäre zum Beispiel der Klimawandel, der neue Krankheiten und Schädlinge sowie Wetterextreme wie Trockenheit oder langanhaltende Niederschläge mit sich bringt. Die Digitalisierung hat ebenfalls in der Landwirtschaft Einzug gehalten und wird sie in den nächsten Jahren stark verändern. Und schliesslich sind da die stetig wachsenden gesellschaftlichen Erwartungen, welche eine Verbesserung der Ressourceneffizenz und Minimierung der negativen Nebenwirkungen der produzierenden Landwirtschaft verlangen. Es braucht die Agroscope also nicht nur für die Bauernfamilien, sondern für die Gesamtinteressen der Gesellschaft.

Der Schweizer Bauernverband (SBV) war mit der Agroscope in der Vergangenheit auch nicht immer nur glücklich. So erwarten wir eine stärker praxisorientierte Ausrichtung der Forschungsschwerpunkte. Im Fokus sollten aus unserer Sicht die aktuellen und künftigen Probleme und Herausforderungen der Schweizer Bauernfamilien stehen. Wir haben im Zusammenhang mit der Erstellung des Agroscope-Arbeitsprogramms für den Zeitraum 2018-21 zahlreiche Projekte vorgeschlagen. Am 30. Januar teilte die Agroscope dem SBV mit, dass sie darauf basierend ein Programm bestehend aus 117 Projekten in den 17 vordefinierten Forschungsfeldern entwickelt haben. Wir fordern und erwarten, dass dieses Arbeitsprogramm unverzüglich und im Einklang mit der erfolgten Kommunikation umgesetzt wird. Die Glaubwürdigkeit des Bundesamts für Landwirtschaft und des Bundesrates stehen auf dem Spiel.

Es ist auch ohne Zentralisierung auf einen Standort und massiven Personalabbau möglich, Infrastrukturkosten zu senken. Wichtig scheint uns zudem, dass nicht dieselben Personen die Veränderungen planen und durchführen, die bei den letzten Umstrukturierungen schon gescheitert sind. Die Agroscope braucht mehr Führungsstärke, was zwei wesentliche Zutaten bedingt: mehr Stabilität und mehr Autonomie. Die SBV fordert den Bundesrat auf, vor einer endgültigen Entscheidung eine detaillierte Analyse der vorgeschlagenen Massnahmen und ihrer Auswirkungen vorzunehmen und auch die Akteure im Agrarsektor und in den Kantonen zu konsultieren. Denn vom Stillstand in der Landwirtschaft sind alle betroffen!

Francis Egger, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizer Bauernverbands